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„Nicht nur rühmen – nicht nur tadeln“

Der Publizist Marcel Reich-Ranicki (rechts) und Professor Dr. Thomas Anz trafen sich zu einem Podiumsgespräch über „Literaturkritik als Beruf“. (Foto: Johannes Scholten / Philipps-Universität Marburg)PUMa: Marcel Reich-Ranicki kam zur Eröffnung der „Arbeitsstelle für Literaturkritik“

Der bekannte Publizist Marcel Reich-Ranicki hat gestern anlässlich der Einweihung der nach ihm benannten „Arbeitsstelle für Literaturkritik“ an einem Podiumsgespräch teilgenommen, in dem er auf Fragen des Literaturwissenschaftlers Professor Dr. Thomas Anz Auskunft über die Profession des Kritikers gab. Mehr als 1.000 Zuhörerinnen und Zuhörer bedachten den Auftritt des 90-Jährigen im überfüllten Hörsaal 5 des Hörsaalgebäudes der Philipps-Universität Marburg (PUMa) mit tosendem Beifall.

„Kritik ist harte Arbeit“: Mit diesen Worten bestätigte Reich-Ranicki, dass er nicht nur das Talent zum Entertainer besitzt, sondern auch ein ernsthafter Literaturkritiker ist, „über den zu forschen sich lohnt“, wie Gastgeber Anz eingangs betont hatte. Freilich kam die Unterhaltung bei der einstündigen Diskussion über „Literaturkritik als Beruf“ nicht zu kurz – vom ersten Satz an war er da, der wohlbekannte Reich-Ranicki-Sound, geprägt von pointierter Rede und dem berühmten, rollenden R. Die beiden Motive – einerseits die Mühen des Rezensenten, andererseits die Lust an der medialen Vermittlung – zogen sich durch den gesamten Abend. „Marcel Reich-Ranicki gehört zu denjenigen, die hohe Ansprüche an Literaturkritik mit einem Maximum an Klarheit und Verständlichkeit verknüpfen – und dies mit Witz und Kompetenz“, erklärte Anz.

Dank dieser Doppelbegabung erfuhr das Publikum eine Menge über die Arbeit der Kritik. Anz erinnerte daran, dass Reich-Ranicki nicht nur selbst als Rezensent hervorgetreten ist, sondern mit seinem Buch „Anwälte der Literatur“ auch ein lesenswertes historisches Werk vorgelegt habe, „eine der ersten fundierten Auseinandersetzungen mit der Geschichte der Literaturkritik“. Auf Größen der Zunft wie Tucholsky, Heine und Schlegel kam Reich-Ranicki immer wieder zu sprechen. „Ich habe viel gelernt von Kritikern wie Kerr und Fechtner“, sagte er auf die Frage nach Vorbildern, die ihm besonders nahe stehen – nicht ohne eine kleine Boshaftigkeit mit aktuellem Bezug anzufügen: „Die Zahl der bedeutenden Kritiker war stets sehr klein und ist jetzt noch viel kleiner.“

Damit hatte es sich dann aber auch schon mit der Polemik an diesem Abend; ein altersmilde wirkender Reich-Ranicki ließ sich bereitwillig darauf ein, Fragen zum Wesen seiner Profession zu beantworten. „Kritik ist nicht dazu da, nur zu rühmen, und nicht dazu da, nur zu tadeln“, betonte der greise Publizist; „die wichtigste Arbeit besteht darin, die Literatur darzustellen.“

Die „Arbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki für Literaturkritik in Deutschland“, die das Institut für Neuere deutsche Literatur im Rahmen des Studien- und Forschungsschwerpunktes „Literaturvermittlung in den Medien“ errichtet hat, archiviert alle Zeitungsartikel, die der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bisher veröffentlicht hat und die von ihm selbst gesammelt wurden, seine Buchpublikationen, Bücher über ihn und aus seiner Bibliothek sowie diverse andere Arbeitsmaterialien, die Reich-Ranicki der Arbeitsstelle zur Verfügung gestellt hat.

Bildunterschrift: Der Publizist Marcel Reich-Ranicki (rechts) und Professor Dr. Thomas Anz trafen sich zu einem Podiumsgespräch über „Literaturkritik als Beruf“. (Foto: Johannes Scholten / Philipps-Universität Marburg)

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